Neu Erinnern

Es gibt Theorien, nach denen Erinnern immer auch ein Übermalen ist. Das, woran man sich erinnert, wird nicht einfach aus dem gut archivierten Schubladensystem des eigenen Gehirns herausgeholt, abgestaubt und zur genaueren Begutachtung bereitgelegt. Das, woran man sich erinnert, wird durch das Erinnern selbst übertüncht und neu gemalt. Einige Aspekte des Erinnerten werden bestärkt und verfestigt, andere verändert, ausgelassen und umgefärbt. Man erinnert immer aktiv.

Erst ein Besucher, ein Exil-Augsburger und Freund, musste mich darauf aufmerksam machen: Seit April diesen Jahres hängt am Gebäude der Augsburger Stadtwerke eine Gedenktafel. Auf der Tafel steht: »Hier befreite am 28. April 1945 die 3. U.S. Infanterie-Division mit Hilfe der Augsburger Freiheitsbewegung die Stadt von der Herrschaft des NS-Regimes. Dank dieser friedlichen Kapitulation blieb Augsburg vor weiterer Zerstörung bewahrt. Dieses Ereignis soll in Erinnerung bleiben.« (Bild und Text zur Tafel)

Nicht gleich auf Anhieb habe ich das Problem mit der prominent platzierten Metalltafel verstanden, es liegt tückisch versteckt zwischen den wenigen Zeilen der Inschrift. Zunächst ist es nur überraschend von einer »Augsburger Freiheitsbewegung« zu lesen, gerade für jemanden, der wie ich seine gesamte Schullaufbahn in Augsburg zugebracht hat. Die Lehrpläne wären voll davon und doch hat mir niemand von diesem lokalen Widerstand erzählt.

Forscht man ein wenig, zeigt sich die »Augsburger Freiheitsbewegung« als ein Zusammenschluss, der zustande kam, als die amerikanischen Streitkräfte bereits unmittelbar vor Augsburg standen. Der Gruppe ist anzurechnen, dass sie sich während dieser letzten Tagen für eine Kapitulation Augsburgs einsetzte und Kommunikation mit den vor der Stadt liegenden amerikanischen Streitkräften forcierte. In der damaligen Situation sicher ein gutes und nicht ungefährliches Anliegen, und doch eines, das sich aufdrängte. Flugblätter der Alliierten, die über Augsburg abgeworfen wurden, erzählen von der damaligen Situation: »Erspart eurer alten Stadt und ihren Bewohnern den Regen von Stahl, der Augsburg zu vernichten droht«, stand darauf. Wie ehrenwert oder schwierig die auf der Tafel dokumentierte »Hilfe der Augsburger Freiheitsbewegung« auch gewesen sein mag, es scheint jedenfalls klar, als wäre die Gruppe etwas anderes gewesen als die aktiv kämpfenden Widerstandsbewegungen in Frankreich oder Italien, schon weil sie nur in den letzten Kriegstagen existiert hat.

Initiiert wurde die Gedenktafel von Stadtrat Theo Gandenheimer und dem Verein »Amerika in Augsburg«. Auf deren Homepage offenbart sich dann auch Einges an fragwürdiger Verwirrung. Unter der Überschrift »Die Augsburger Freiheitsbewegung« werden nicht nur Namen des engeren Kreises gelistet, sondern ebenso Namen einiger »Männer mit gesundem Menschenverstand« im weiteren Umfeld der Gruppe. Darunter auch der damalige Oberbürgermeister Josef Mayr, NSDAP-Mitglied seit 1922, Freikorpsmitglied und zweimaliger Frontkämpfer während seiner Amtszeit von 1934 bis 1945.

Ich finde jetzt nicht, dass man in der Gedenktafel eine raffinierte Altnaziverschwörung sehen sollte. Eine übertriebene und unbedachte Form kuschliger Erinnerung ist es aber doch. Wenn es um den Nationalsozialismus in Deutschland und Augsburg geht, muss es immer auch um Schuld und Fehler gehen. Nicht weil es so schön weh tut, sondern weil es nicht wieder passieren darf.

Geschrieben als Bayernkurier des Zündfunk.

28.09.10