Riesig und unauffällig

Mein treuer Dienst als Ministrant hätte mich besser vorbeireiten müssen. Aber auch dabei ist er gescheitert. Wie unnatürlich früh es ist, an einem Sonntag um 11 Uhr irgendwo anders zu sein als in einem 5-Meter-Radius rund um das eigene Bett, konnte man sofort am Besucherandrang ablesen. Zusammen mit der führenden jungen Kunsthistorikerin waren wir zu dritt. Museumspersonal war doppelt soviel anwesend. Auf die ausgestellte Kunst konnte nichts dafür.

MDL 25 ist eine Retrospektive. Seit 1985 und 25 Jahren arbeiten die Brüder Maik und Dirk Löbbert gemeinsam an Aktionen, Objekten und Fotoarbeiten. Die Ausstellung ist grob zweigeteilt: Der erste Teil ist eine extra für die Räume des H2 konzipierte Arbeit in der Halle im Erdgeschoss des Glaspalasts. Besser: Die Halle ist das Kunstwerk. Die beiden Löbberts haben die circa 30 Säulen, die den Raum tragen, vom Boden ab bis in verschiedene Höhen schwarz gestrichen, bei einigen Säulen bis fast unter die Decke, bei anderen nur einen Meter hoch. Das war es auch schon. Entstanden ist ein unauffälliges, riesiges und begehbares Kunstwerk. Raumgreifend, sagt die Kunstgeschichtlerin ihren beiden Zuhörern. Mir gefällt es.

Der zweite Teil der Schau besteht aus drei kleinen düsteren Räumen. Drinnen werden über 18 Beamer insgesamt 1200 Bilder im Abstand von 5 Sekunden an die 16 Wände werfen. Die Taschenrechner unter euch werden es schon bemerkt haben: Das ist eine ganze Menge Information. Das professionelle Drittel unsere Gruppe gibt sich alle Mühe, ihre Erklärungen mit den ständig und an mehreren Stellen zugleich wechselnden Bildern synchron zu halten, ist aber zum scheitern verdammt. Das macht nichts: Es ist angenehm, dass überhaupt jemand redet und ein paar Worte in den Raum stellt, an denen man sich festhalten kann. Außerdem ist es bei dieser Art von Kunst sowieso schwierig etwas Sinnvolles zu sagen, das über Zustandsbeschreibungen hinausgeht.

Die Rede ist von Gegensätzen, Irritation und so. Auf den Bildern zu sehen sind die sehr verschiedenen Arbeiten von Maik und Dirk Löbbert. Angefangen haben sie damit, Dinge vom Sperrmüll an anderen Stellen der Stadt zu drapieren als wären sie noch in Benutzung. Witzig auch die Aufnahmen der Wasserarbeiten, bei denen die Brüder große Formen aus Wasser oder Wein auf Böden und Wände anbringen. Auch mit Teppichen haben sie experimentiert und rote Filzbahnen über ganze Häuser und Plätze verlegt. Dazwischen sieht man Kinder- und Familienfotos oder spontane Albernheiten, bei denen einer der Künstler aus einer Garderobe steigt oder auf einer Bühne posiert. Das mit der Irritation ist schon mal nicht ganz falsch.

Aber irritieren lässt sich nicht jeder. Bevor ich wieder nach Hause gehe, blättere ich noch ein Wenig in ausliegenden Katalogen zu anderen Ausstellungen der Löbberts. Währenddessen stürmt ein älterer Herr mit offensichtlich blond gefärbten Haaren herein. »Wo ist die Ausstellung?«, fragt er fordernd. Die Arbeit mit den bemalten Säulen, die sich direkt vor ihm ausbreitet, übersieht er verständlicherweise. Eine Dame des Museumspersonals klärt ihn freundlich auf und bietet ein Informationsblatt an. »Ich weigere mich etwas zu lesen«, sagt er und ist ganz allgemein nicht so einfach abspeisen. Er stürmt durch die drei dunklen Boxen und sagt, nur unengagiert als Frage getarnt: »Und das soll Kunst sein?« Wahrscheinlich meint er, es sei schlechte Kunst. Finde ich nicht.

Geschrieben als Bayernkurier des Zündfunk.

14.09.10