Klein ist noch zu groß

Wer sagt, Augsburg sei zu klein, hat nicht immer recht. Am letzten Wochenende habe ich einen unterschätzen Teil meiner Stadt erkundet, gelernt über Größenwahn zu lachen und dabei eine Kleinigkeit total übersehen.

Gleich bei mir um die Ecke, zwischen meiner Wohnung und der Augsburger Innenstadt liegt der kleine Stadtteil Thelottviertel. Schon aus logistischen Gründen muss ich diesen schmalen Streifen von einem Bezirk regelmässig durchfahren. Am Wochenende aber habe ich einen voll beabsichtigten Abstecher in diese Gegend gewagt. Das Thelottviertel versperrt mir und meinen Nachbarn nämlich nicht nur den Weg in die Innenstadt, es ist außerdem außerordentlich hübsch anzusehen.

Das Thelottviertel gilt als erste oder zweite (die Wikipedia ist sich da nicht ganz einig) Gartenstadt Deutschlands. Die Idee Gartenstadt geht auf den britischen Stadtplaner Ebenezer Howard zurück und war – wie alles um 1900 – nicht einfach nur gedacht als ein netter Platz zum Wohnen, sondern als ein allumfassender Heilsplan für eine bessere Zukunft. Dass so was ganz leicht zu einem totalitären Haufen Scheiße führt, wissen wir heute, und auch das Thelottviertel konnte nicht einmal 0,7% seiner vollmundigen Heilsversprechen einlösen. Doch zu einem hübschen Plätzchen hat es der kleine Bezirk definitiv gebracht.

Wie sagt man: Writing about music is like dancing about architecture. Ich weiß jetzt nicht ganz genau, was das über das Schreiben über Architektur aussagt, vermute aber, es ist nicht ganz einfach, gerade wenn man ein so durchschnittlicher Tänzer ist wie ich. Macht aber alles nichts, denn so seit ihr gezwungen von unbändiger Neugier getrieben selbst hinzugehen und einen kurzen Spaziergang durch diesen unterschätzen Teil Augsburgs zu machen. Es sei nur kurz angerissen: Ganz bezaubernd sind die vielen Reihenhäuser dort, mit ihren kleinen Vorgärten, Nischen, Erkern und unerwarteten Ecken. Mittendrin übrigens befindet sich – nicht zufällig natürlich – das Schwäbische Architekturmusum, in das die interessiertesten unter den Thelottviertel-Touristen einkehren könnten, wenn sie denn wollen. Viel Spaß dabei.

Nichts als gerechten Spott gegenüber städteplanerischer Gigantomaniepflegt seit kurzem auch eine mysteriöse Vereinigung, die sich selbst »Arbeitsgemeinschaft Lebendiges Augsburg« nennt und zeitgemäss per großem sozialem Netzwerk agiert. Die fiktive AG tritt an mit dem Schlachtruf »Weg mit dem alten Ramsch, 2000 Jahre sind genug!« und einem sublimen Haufen gewaltiger Ideen für ein Augsburg der Zukunft. Zu den Glanzlichtern ihrer Vorschläge gehören der Ausbau des Rathauses zu Loftwohnungen, die Untertunnelung des Rathausplatzes zu Parkzwecken sowie der zweispurige Ausbau der Anna-Strasse. Der internet-affine Augsburger tut gut daran sich besser gestern als heute mit dieser AG anzufreunden.

Zum Schluss möchte ich auch den erfolgloseren Teil meines Wochenendes nicht verschweigen. Ich hoffe, ich werde ob meines Versagens nicht postwendend als Aushilfsbayernkurier freigestellt. Es gab ein durch und durch sympathisches Straßenfest, das Klinkerfest am Klinkertorplatz, und ich habe davon nur die ausgebrannten Reste gesehen. Klein und gemütlich gehalten, fernab von jedem Größenwahn, wäre es der ideale Ausgleich zum ganzen viel zu großen Rest gewesen. Die Beschreibung der Veranstalter als »gechilltestes Strassenfest das Augsburg je zu bieten hatte« war möglicherweise nicht untertrieben. So schien es zumindest als ich es spät nachts mit meinem Fahrrad kurz durchkreuzte. Ich bitte darum, das zu wiederholen, wenigstens damit ich mein Veranstaltungsempfehlungskarma ausgleichen kann. Ich hoffe, euer Vertrauen durch dieses Versehen noch nicht gänzlich verspielt zu haben und verspreche eine bessere Zukunft. In kleinen Schritten.

Geschrieben als Bayernkurier des Zündfunk.

24.08.10