Richtung Dekadenz

Dekadenz ist das Gegenteil von Fortschritt, schlimmer noch als Stillstand, eine Bewegung in die falsche Richtung. Wer anderen Dekadenz vorwirft, scheint zu wissen, wohin es richtigerweise geht. Und das ist nicht ganz einfach, denn die Welt an sich kennt keine Richtung und weder Fortschritt noch Dekadenz. Die Welt geht nur weiter.

Die Geschichte hat oft schon gezeigt, wie eine klare Richtung hinderlich sein kann; entweder weil dem Fortschritt in die eine, richtige Richtung alles andere untergeordnet und geopfert wird, oder weil das bekannte und unabänderliche Ziel bewegungslosen Fatalismus generiert. Das ganze Konzept Geschichte führt in die Irre, wenn es Geradlinigkeit suggeriert, wo es eigentlich nur Möglichkeiten gibt. Die Evolutionstheorie würde sagen, man kann Zukunft weder Planen noch Vorhersagen, man kann nur probieren und sehen, was passiert.

Dazu passt das neue Buch von Passig/Scholz über das Verirren, ist das doch eine Bewegung genau in diesem Sinne, ungeplant und unvorhersehbar. Ein klares Ja zu einem Gedächtnis, das anzeigt, was bereits mit welchem Ergebnis ausprobiert wurde, aber ein Nein zu einer Diktatur der Vergangenheit über die Zukunft. Auf die Rede von Dekadenz und Fortschritt zu verzichten, heisst nicht Utopien auszuschliessen, sondern nur zuzugeben, die Richtung nicht zu kennen.

Ähnlich in der Berliner Gazette erschienen.

27.04.10