Augsburg in Anführungszeichen

Ein Freund von mir (sic!) hat in seiner Jugend viel gekifft. Als seine Eltern das herausfanden, kauften sie ihm neue Regale, denn Regale, so die weisen Eltern, brächten Ordnung ins Leben. Der Freund wird heute Lehrer. Es scheint funktioniert zu haben. Das musste ich ausprobieren, ich meine den Möbelkauf als Strukturprogramm. Jetzt habe ich einen neuen Kleiderschrank. Mal sehen, wann die automatische Ordnung in meinem Leben Einzug hält. Weniger Mottenlöcher würden mir fürs erste reichen.

Leider, leider ist es mit der Ordnung in der Augsburger Maxstrasse nicht so einfach. Regale würde da eher Unruhe stiften. Andererseits könnte man meinen, unordentlicher geht es nicht mehr: das legendäre Straßenverkaufsverbot, bekannt als »Dönerverbot«, musste Ende Januar durch den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof abgeschafft werden und die darauf folgende Diskussion um längere Sperrzeiten ist nach Unruhen in und außerhalb von Parteien ebenso vom Tisch.

Die gestörten Anwohner will Oberbürgermeister Kurt »Semmeltaste« Gribl jetzt mit einem neuen »Maßnahmenpaket« besänftigen. Danach dürften beispielsweise Autos statt mit 30 nur noch mit 20 km/h über das Kopfsteinpflaster poltern. Grundsätzlich eine gute Richtung, behauptet doch ein Gutachten, die größte Lärmquelle auf der Maxstrasse sei der Verkehr. Ich weiß nicht, ob das jetzt die egoistische Idee eines autolosen Fahrradfahrers (Ich) ist, aber würde es vielleicht helfen, die Strasse nachts komplett oder für alle außer Anwohner und Taxis zu sperren? Ernst gemeinte Frage.

Einige der Anwohner hätten sich jedenfalls mehr über eine Club-Sperrstunde ab 2 Uhr gefreut und auch Ordnungsreferent Walter Böhm war ganz kräftig dafür, gerade in seinem unermüdlichen Kampf gegen »Partyauswüchse«. Doch mit so einer Forderung hatten sie es schwer. Ideen, die zugleich schlecht und unbeliebt sind, setzten sich glücklicherweise auch in Augsburg nicht einfach durch.

Dafür versucht die Stadt schon seit längerem mich anzusprechen: Im Rahmen einer städtischen Imagekampagne wurden nämlich Strassen und Treppen mit kurzen Textstücken beklebt. Geschrieben wurde so, als ob die Stadt selbst sprechen würde. Sie fragt, wohin man geht, und wünscht viel Spaß. (Hier einige Beispiele.) Manchmal ist das ein Lächeln wert, meistens aber albern. Gerade der zentrale Slogan und Name der Kampagne, »Lebe mich. Dein Augsburg.«, ist eine zu fettige Pathos-Bombe. Die soll dann demnächst auch noch auf »Economy Cubes« geklatscht werden, auf fünf mannshohe rote Würfel. die an öffentlichen Orten für den Wirtschaftsraum Augsburg werben sollen.

Ich will kurz zusammenfassen: »Dönerverbot«, »Semmeltaste«, »Partyauswüchse«, »Economy Cubes« und »Lebe mich. Dein Augsburg.« – Wörter wie fünfgliedrige Genexperimente, so halbgar zusammengebuttert, dass man sie ohne Anführungszeichen gar nicht anfassen mag. Irgendwie doch auch nicht gut fürs Stadtmarketing. »Stadtmarketing«? Schon wieder so ein Wort. Wenigstens nicht in Augsburg erfunden.

Geschrieben als Bayernkurier des Zündfunk.

09.03.10