Eine vergessene Kunst

Lange und zäh war das Warten auf eine neue Stadtbücherei in Augsburg. Mittlerweile steht das Ding und sieht hübsch aus. Doch es könnte noch hübscher sein: Was dem Gebäude noch fehlt ist Kunst am Bau. Dafür waren 2008 mal 150.000 Euro vorgesehen, von denen heute und als Folge überbordender Sparfreudigkeit des Kulturreferats 50.000 Euro geblieben sind. Wenn man sich vorstellt, dass von dieser Summe nicht nur die gesamte Organisation der Ausschreibung bestritten werden muss, sondern auch alle Kosten, die die ausgewählten Werke verursachen werden, wirkt die Summe von 50.000 Euro schnell sehr klein. »Das ist ein Witz«, sagt mir einer der beteiligten Künstler.

Ein anderer sagt, mit der Installation der per Jury ausgewählten Werke hätte schon im Januar begonnen werden sollen. Bisher allerdings wurden nicht einmal die ausgewählten Arbeiten bekannt gegeben. Per Brief über den Zuschlag informiert hat die Stadt Felix Weinold und die Künstlergruppe lab binaer. Dass es noch weitere Zuschläge geben könnte, ist schon durch die Höhe der ausgeschriebenen Summe auszuschließen.

Von Seiten der Bibliothek wollte man das alles bisher nicht bestätigen und eine Antwort des zuständigen Kulturreferat steht noch aus. Das Geld, um mit ihren Arbeiten zu beginnen, haben die Künstler jedenfalls noch nicht erhalten. Nicht dass man das Ganze doch noch vergisst im Kulturreferat oder schlimmer: zu einem Kuspo-Projekt verwurschtelt. Fußballer jonglieren 48 Stunden Mozart pfeifend für den Weltfrieden oder so. So schrecklich wird es schon nicht kommen.

Schade wäre das vor allem deshalb, weil es sich bei den mutmaßlich ausgewählten Werken um zwei tolle Ideen handelt; schon deshalb, weil den Künstlern relativ wenig (Spiel-)Raum in und an der Bücherei zugestanden wurde. Felix Weinold plant an den Geländern der Treppenaufgänge der Bücherei einen Text in Brailleschrift anzubringen, also ein Kunstwerk in die Bücherei zu schmuggeln, das zuerst für Blinden sichtbar ist. Sehende müssen sich den Text erst ausleihen.

Die Arbeit der Gruppe lab binaer soll auf dem Vorplatz der Bücherei aufgestellt werden, trägt den Namen »Delete« und beschäftigt sich mit dem Speichern und Vergessen von Informationen. In der Installation ist der Text einer Enzyklopädie gespeichert, von dem eine Zeile auf einem Display zu sehen ist. Der Betrachter kann den Text per Knopfdruck um jeweils einen Buchstaben vorwärts schieben, allerdings nur in eine Richtung. Mit jedem gewonnen Zeichen am Ende der Zeile geht eines am Anfang verloren. Da kann man sich nur noch wünschen, dass »Delete« nicht unfreiwillig noch ein Kommentar zur Augsburger Kulturpolitik wird.

Geschrieben als Bayernkurier des Zündfunk.

02.03.10