Foto-Love-Story

Schluss mit langweilig neutraler Berichterstattung. Schluss mit sophisticated Kulturnachrichen. Ich muss viel näher ran an den Menschen. Mehr noch: Näher ran an den Augsburger. Für mehr Gefühle, Leidenschaft und Herz. Ihr wollt es doch auch.

Die kostenlose Augsburger Stadtzeitung Neue Sonntagspresse macht es grandios vor. Deren große Schlagzeile des vergangenen Sonntags war »Gribls neue Liebe – Der OB und seine Ex-Wahlkampfleiterin«. Um es für Nichteingeweihte und Nichtaugsburger kurz und schmerzlos zu machen: Kurt Gribl ist Oberbürgermeister Augsburgs, hat sich 2008 von seiner damaligen Frau getrennt und ist jetzt offensichtlich und offiziell mit einer anderen Frau zusammen; nämlich mit Sigrid Einfalt, die 2008 als Texterin Teil seines Wahlkampfteams war. Insgesamt nichts, was nicht ständig passiert.

Über das Privatleben eines Kurt Gribl zu spekulieren ist so langweilig wie albern. Interessant finde ich etwas anderes: Nämlich dass und was der Oberbürgermeister (als Oberbürgermeister) glaubt, öffentlich machen zu müssen. Die Sonntagspresse hat den Bürgermeister jedenfalls nicht gezwungen zum »Privatbesuch in der Redaktion« mit »seiner Sigrid.« Irgendwie scheint es wichtig zu sein, dass der Politiker Gribl so tut, als würde er sein Privatleben offen legen.

Vielleicht hätte Kurt Gribl einfach von Anfang an twittern sollen. Gleich drei Probleme hätte das Verhindern können. Erstens das peinliche Twitter-Verbot im Stadtrat. Eventuell hätte ein twitternder Bürgermeister ahnen können, dass es eine gute Sache ist, wenn Stadtbewohner neue Einblicke in die Positionen und Prozesse der politischen Entscheidungsfindung erhalten. Zumindest wäre man nicht so überrascht gewesen und hätte nicht dementsprechend aufgeschreckt reagieren müssen.

Zweitens hätte der Oberbürgermeister vielleicht weniger Mühe und Ärger mit einem Fake-Account bei Twitter gehabt, der bis vor Kurzem unter seinem Namen und Bild geführt wurde. Nicht dass man dem nicht sofort hatte anlesen können, dass es sich um einen mittelguten Witz gehandelt hat. Aber hätte Gribl vorher schon selbst einen Account geführt, wäre die Imitation noch leichter als solche zu erkennen gewesen. Mittlerweile ist der Account gelöscht.

Drittens und um zu »Gribls neuer Liebe« zurückzukommen hätte ein twitternder Bürgermeister vielleicht, eventuell und möglicherweise andere und vor allem weniger peinliche und gestelzte Wege gefunden, um Privates und Öffentliches zu vermitteln. Aber das sind vermutlich zu große Hoffnungen in nur einen einfachen Internet-Dienst. Außerdem und am schlimmsten: Wahrscheinlich wird die inszenierte Foto-Love-Story in der Sonntagspresse gut funktionieren.

Geschrieben als Bayernkurier des Zündfunk.

12.01.10