Hauptsache Burg

Diese Woche war ich mein eigener Korrespondent. Der einfache Kolumnist hat ja nichts. Kein Lektorat, keinen Fotografen und kein Korrespondentennetzwerk. So habe ich mich selbstlos und ohne Angst vor Opfern in die Ferne gewagt. Diesmal nach Hamburg. Trotz schwerer Krankheit (eine leichte Erkältung) und natürlich nur für Euch.

Schon am zweiten Tag war der Mut groß genug, um nach dem Monster zu sehen, das jede Großstadt zu plagen scheint – nach der Gentrifizierung. Eines der Widerstandsnester gegen dieses Ungetüm und ein markantes Symbol für diese Problematik ist in Hamburg das Frappant. Ein ehemaliger Karstadt, der noch von Künstlern aller Art als Arbeits- und Ausstellungsfläche genutzt wird. Der gewaltige 70er-Jahre-Bau ist von außen zugeklebt mit Street Art und behängt mit großen Bannern. Das Ding ist verfallen und voller Risse, aber leblos ist es dank der Nutzer nicht. Alleine das feuchte und an vielen Stellen bemalte Parkdeck ist einen Spaziergang wert.

Die Stadt Hamburg plant das Gelände an ein großes schwedisches Möbelhaus zu verkaufen und hat den aktuellen Nutzern deshalb die Mietverträge überraschend nicht verlängert. Dagegen wird aufgestanden. Die jetzigen Nutzer haben ein alternatives Nutzungskonzept des Gebäudes als halböffentliches Stadtteilzentrum vorgelegt. Und das Frappant ist nur ein Ort unter vielen in einer stadtweiten Diskussion: Es herrscht allgemeine Uneinigkeit darüber, welche Stadt man will, wem dort welche Räume gehören und wer wie darüber bestimmen soll.

Auf meinem straff organisierten Feierplan stand neben zwei WG-Partys eine längere Nacht im Hamburger Club »Übel Und Gefährlich«. WG-Partys sind übrigens – für mich völlig überraschend – in Hamburg ganz ähnlich gebaut wie in Augsburg und eventuell überall auf der Welt: Man erzählt, was man studiert oder mal studiert hat, die Playlist springt ständig nervös von Oasis zu Prodigy und ganz am Ende singen alle zu alten Take-That-Hits. Nur das Bier, das immer zu früh aus ist, kommt von einer andern Marke. Riesen Spaß.

Das »Übel Und Gefährlich« sitzt in den ehemaligen Hamburger Flaktürmen, ein mächtiger Betonwürfel in St. Pauli, der heute als Medienbunker bekannt ist. Am besten ist der Club über einen Aufzug zu erreichen. Sogar einen Liftboy gibt es. Drinnen durfte ich dann zum ersten Mal ein Set von Kode 9 hören, der sonst Mitten in London mit seinem Label Hyperdub eine ganz eigene Bassmusik aufzieht. Die hat er dann auch in ganzer Breite vorgespielt und mir ein paar Wünsche erfüllt. Es war tief grollend, herzzerreißend quietschig und hyperaktiv funky. Es war gut.

Die Stars des Abends waren die Berliner von Modeselektor, die nicht nur mit ihrer immer massiven, aber abwechslungsreichen Musik die Leute zum Jubeln bringen, sondern auch mit einer Bühnen- und Videoshow, wie sie für elektronische Musik eher unüblich ist. Modeselektor wollen eindeutig Popstars werden. Der dritte Große des Abends, Ben Klock aus dem Berliner Techno-Heiligtum Berghain, wird sicher niemals Popstar. Sein Techno ist so maschinenmässig und viereckig, dass der Würfel Medienbunker drumherum eifersüchtig geworden sein muss. Das war auf jeden Fall mal beeindruckend in seiner Eindeutigkeit.

Geschrieben als Bayernkurier des Zündfunk.

15.12.09