Lecker Kabelsalat

Mittlerweile zum 8. Mal hat das so genannte Kunstlabor lab30 am vergangenen Wochenende normale Bürger zu Nerds werden lassen: Das Medienkunstfestival im Kulturhaus abraxas erfreute auch dieses Jahr durch die Fusion von interaktiven Elektronikkunststücken, multimedialen Performances und elektronischer Live-Musik internationaler Acts.

Der Charme der Veranstaltung entsteht durch seine Kombination von Ausstellungen, Sitzkonzerten und Partys: Im Ausstellungsteil des dreitägigen Festivals beschäftigen sich in diesem Jahr auffällig viele Installationen mit Synthesen von Natur und Technik. Zufällig und organisch sei dieser Schwerpunkt entstanden, wie die Organisatorinnen in der Auftaktveranstaltung versicherten. 17 Beiträge von Europa bis Kanada wurden vom Kuratorinnen-Team ausgewählt. Neben den mittlerweile fast klassischen elektro-mechanischen Anfassexperimenten haben es die Besucherinnen vermehrt mit bio-elektronischen Konstrukten zu tun bekommen.

In »Akousmaflore« haben Grégory Lasserre und Anaïs met den Ancxt aus Frankreich Pflanzen Klänge abspielen lassen, wenn sich ihnen Besucherinnen näherten. In den Riesenreagenzgläsern von Verena Friedrich aus Frankfurt wurden unter dem Namen »Transducers« Haarproben und andere körperliche Überreste zu je individuellen Tonsignalen ausgewertet. Der Kölner Thomas Hawranke hat in seiner Installation »Sensobotanics« die Photosynthese-Aktivitäten einer Pflanze zu Impulsen werden lassen, die einen Egoshooter steuerten.

Der Umgang mit Kunst und Künstlerinnen auf dem lab30 ist meistens nah und intim. Die jungen Künstlerinnen, die angenehm wenig wie solche aussehen, stehen bei ihren Arbeiten und geben Interessierten nett Auskunft. Viele der Installationen funktionieren ja auch gar nicht ohne Beteiligung. Trotz aller Kuschligkeit ist es gleichzeitig spannend und unsicher in den Ausstellungsräumen. Manch kleine Objekte kann man übersehen und dabei über deren Kabelausläufer stolpern. Oder man traut sich hinter eine Wand um sich dort nicht sofort sicher, ob die Leiter dahinter eine Roboterskulptur sein soll oder einfach nur zum Aufbau nötig war.

In dieser Atmosphäre fällt es einem Fanboy wie mir dann meistens leicht das vorsichtige Murren mancher Mitbesucherinnen zu ignorieren. Manchmal haben sie aber recht: Für ein interessantes und tatsächlich interaktives Kunstwerk reicht es nicht, Bewegungs- oder Wärmesensoren in eine schicke Verpackung zu schweißen und das Ganze Töne ausspucken zu lassen. Spannend und ständig besetzt war der Telefonzufallsgenerator mit globaler Anbindung »Innen und Außen« vom Duo Baltensperger und Siepert aus Zürich: Vier alte Telefonhörer, die Verbindungen zu öffentlichen Telefonen in der ganzen Welt herstellten, zeigten ganz unaufdringlich die Flüchtigkeit von Nähe und Ferne auf einem verkabelten Planeten.

Das Musikprogramm des Festivals im Nordflügel und der Kantine waberte zwischen Hypnose und Party: Die italienische Künstlerinnengruppe Otolab hat in ihrer Aufführung »Circo ipnotico« vibrierende Techno-Mandalas auf Leinwände und Netzhäute geworfen. Zeitweise hatte ich Angst vor einem epileptischen Anfall. Super war es. Der Freitag brachte knochenvibrierenden Noise und Ambient, unter anderem vom großartigen Machinefabriek aus den Niederlanden, der leider viel zu kurz an seinem kleinen Sound-Schreibtisch gesessen ist. Außerdem schade, dass man ihm keinen Slot im schönen Theater des abraxas gegönnt hat. Ich hätte gerne die ungezwungene Clubstimmung des Nordflügels für eine ausführlichere Show und ein konzentrierteres Publikum geopfert.

Witzig letztendlich wie diese Form von Festival klassische Gewohnheiten herausfordert und umkehrt: Im Kontext der Ausstellung muss man aktiv werden, um zu sehen, wie die Dinge funktionieren, und gegenüber den Clubacts muss man sich in der seltsamen Situation zurecht finden nur herumzustehen und zuzuhören.

Geschrieben als Bayernkurier des Zündfunk.

10.11.09