Kunst zwischen Zirbelnüssen

Gesegnet die deutsche Sprache für die Fähigkeit nahezu beliebig Wörte verbinden zu können. Aber »Graffitikunst«? Na gut, wenn es hilft klar zu stellen, dass Sachbeschädigung auch Kunst und Kunst auch Sachbeschädigung sein kann, dann muss es wohl so sein. Ich habe es ja auch leicht und kann mich genüsslich in solchen Widersprüchen suhlen. Weniger leicht haben es die, die Widersprüche ausschalten und sich entscheiden müssen: Politiker zum Beispiel.

Einen Versuch den Widerspruch der Street-Art zu glätten, haben vergangenen Freitag die beiden Augsburger Stadträte Verena von Mutius und Christian Moravcik von den Grünen unternommen: In ihrem Antrag fordern die beiden, mehr öffentliche Flächen auszuweisen, an die legal Kunst gesprüht, geklebt oder sonst wie angebracht werden darf. Diese sollen – ordentlich gekennzeichnet durch Zirbelnuss-Symbole und betreut durch eine Gruppe von »Graffitikünstlern« (genannt »Die Bunten«) – über kurz oder lang selbstverwaltet funktionieren. Alles sehr grün und bemüht cool, aber doch spannend und in vielerlei Hinsicht erfolgsversprechend: Zu Recht findet mit so einer Initiative die kreative Seite der Street-Art auch politisch die ihr zustehende Beachtung: als Kunst, als Jugendkultur oder auch einfach als Spiel, zumindest aber nicht nur als Gesetzesbruch. Konkret wird die Stadt bunter und reicher an Abwechslung, quasi sogar für naturverwöhnte Hippies lebenswerter. Die Antragsteller hoffen gar auf einen »positiven Nebeneffekt«: »Unerwünschte und illegale Graffiti« sollen weniger werden.

Die Initiative ist so liebevoll liberal, dass ich ihr nicht widersprechen mag. Und direkte Kritik an dem Antrag ist auch gar nicht nötig. Nur falsche Hoffnungen sollte man lieber gleich enttäuschen: Schwierig aber wichtig ist, dass eben auch unerwünschte Graffiti (unerwünscht von wem?) möglicherweise Kunst sind. Man wird Kunst nicht mit Hilfe eines Gesetzbuchs beurteilen können. Street-Art wird nicht nur in von der Politik vorgegebenen Grenzen existieren können. Keine Kunst kann das. Ist es doch gerade ihre Aufgabe, politische Vorgaben – na, sagen wir – zu hinterfragen. Dass man an Bahnhöfen nur noch eingerahmt von orangen Linien rauchen darf, daran werde ich mich gewöhnen müssen, aber Street-Art kann nach dem Modell nicht funktionieren.

Aber es muss auch Zeit sein für politikfernen Eskapismus, Zeit zu feiern. Geplant und in meinen Kalender eingetragen war eine WG-Party. Doch wie es jemand, der sich allein auf flüchtige Andeutungen in neumodischen Internet-Communitys verlässt, nicht anders verdient, hat der Griff zu einem anderen, älteren Medium (Telefon) die bittere Wahrheit offengelegt: Die WG-Party wurde nie zu Ende geplant, zumindest nicht für dieses Wochenende. Als Vollzeitspaß hat deswegen die vormals als eine Hälfte des Abends gedachte Party in der Mahagoni Bar herhalten müssen. Im oberen Teil des Klubs stand Konsens-Gebratze im Raum, im Keller der Katakomben flirrte Mike Slotts Liveact.

Nach Augsburg gelockt hat den Produzenten Stott die Künstlergruppe »12 Junkies«, die mit ihrer Party-Reihe »Glitch Happens« Mitschuld daran hat, dass das Comeback des elektronischen Hip-Hop und der wackligen Beats auch unsere Stadt erreicht hat. Für das zur Musik passende Ambiente haben die VJ der Gruppe gesorgt, mit gefühlten 50 Beamern: die runden Gewölberäume haben sie mit buntem Licht bekleckert und hinter der Bühne Videoleinwände installiert. Beste Bedingungen also.

Der Gast Mike Slott ist neben seinem Leben in New York wichtiger Teil der aktuell hochbeachteten Hip-Hop-Szene Glasgows, in der auch der neueste Warp-Star Hudson Mohawke gewachsen ist. Aber was Mike Slott hier hat hören lassen, ist nicht einfach als Hip-Hop in elektronisch zu erklären. Hip-Hop ist ganz klar die Basis seiner Musik: die rumpelnden Rhytmen J Dillas genauso wie die glatt polierten Hits von Timbaland. Aber Slott zerbröselt diese Vorlagen und klebt sie mit dickflüssigen Synthies zu neuen Bomben zusammen. Es hat gebrummt, es hat gerauscht, und es hat gesungen, aber alles nie so wie an einer Musikhochschule, sondern witzig, pathetisch und extrem nackenschädlich.

Geschrieben als Bayernkurier des Zündfunk.

20.10.09