Wozu Hipster?

Ach, der Hipster-Begriff. Aber es ist noch nicht vorbei. Hier nochmal ein Versuch zur Deutung: Hipster sind keine Personen, der Hipster-Begriff ist diffuse Gesellschaftskritik. Erster Hinweis: Niemand nennt sich selbst Hipster. Hipster sind immer die anderen. Hipster ist ein Vorwurf. Wer andere Hipster nennt, meint möglicherweise nur das, was man gerade nicht will.

Was Hipster tun

Erste Dinge zuerst. Was macht Hipster angeblich aus? Eine Sammlung von Vorwürfen:

Distinktion: Hipster wollen immer anders, neu und kreativ sein. Was zu viele gut finden, finden sie schlecht. Deshalb arbeiten sie am ständigen Auf- und Umbau des eigenen Styles und der eigenen Individualität – mit mäßigem Erfolg. Am Ende folgen sie doch nur Trends, tragen alle die gleiche Kleidung und hören ähnliche Musik. Der krampfhafte Versuch zeigt dann nur noch deutlicher das Defizit.

Ironie: Das wichtigste Werkzeug der Hipster. Ironie schützt sie vor zu starken Bindungen und hilft dabei, sich bei Bedarf schnell Neues anzueignen. Alle Style-Bausteine sind flexibel austauschbar, weil sich die Hipster nichts ernstahft anverwandelen. Nichts nehmen sie ernst, alles ist ihnen gleich. Nicht zuletzt in politischen Dingen scheuen sie klare Positionen; stattdessen mosern sie zynisch oder glauben, Soja-Milch und Petitionen genügten. So trifft sie der Vorwurf des Reformismus oder der Entpolitisierung.

Authentizität: Hipster streben nach Authentizität und schaden dabei sich selbst und dem Authentischen. Was vielen Subkulturen der Vergangenheit Schlüssel zur Kritik am Mainstream war – das Lob von Originalität und Ursprünglichkeit – zerfällt in den ironischen Klauen der Hipster zu Staub. Durch die unaufrichtige Aneignung scheinbarer Originale verlieren sowohl das Angeeignete als auch die Aneignenden an Authentizität. Übrig bleibt wieder nur die Bemühtheit der Hipster.

Retro: Auf der Suche nach authentischen und ironisch besetzbaren Identitätsbausteinen kommt alles Vergangene wie gerufen; ein riesiger Schatz an sympathischen Kuriositäten, vergessen und scheinbar überwunden, von kuratierenden Hipstern wiederentdeckt und neu kombiniert, liefert Vergangenes nicht nur distinktiven Style, sondern auch noch das wohlige Gefühl des Analogen; Schallplatten, Filmkameras, Selbstgestricktes – coole Accessoires und Erinnerungen an eine einfachere Zeit.

Postmoderne: Als Schreckgespenst des Wahren, Schönen und Guten ist die Postmoderne heimliche Schutzpatronin aller Hipster. Denn ihnen geht es am Ende nicht um die Suche nach Richtigem, sondern nur um eine kreative Wiederholung und Rekombination im bestehenden System kultureller Zeichen. Die Postmoderne steht für fast alles, was Hipster angeblich ausmacht: Unernsthaftigkeit, Gleichgültigkeit, Verflüssigung.

Gouvernementalität: Im Auftrag der Distinktion arbeiten Hipster angestrengt und ständig an ihrem Selbst. Damit sind sie die idealen Subjekte gouvernementaler Regierung (Foulcault). Hipster müssen nicht diszipliniert werden und niemand muss ihnen sagen, was sie tun sollen. Ganz von sich aus arbeiten sie am Rande des Ruins an der Verbesserung ihrer Person und deren optimaler Verwertbarkeit durch einen kreativen Kapitalismus.

Hipster sind nicht allein

An den Vorwürfen ist mehr dran als gedacht. Wer andere Hipster nennt, tut schon mal genau das, was Hipstern vorgeworfen wird: Distinktion betreiben. Man will sich selbst imprägnieren gegen all das, was Hipster falsch machen. Der Hipster-Begriff benennt dann das, was man alles nicht will.

Der Begriff ist eine Kritik an der spätmodernen Sisyphusarbeit der Individualisierung. Er ist Kritik an der Vorschrift, immer kreativ und besonders sein zu müssen, und Kritik an denen, die dieser Vorschrift zu gefügig Folge leisten und trotzdem scheitern. Dabei trifft die Norm nicht nur eine kleine Gruppe; auch Angestellte und gemeine Facebook-User sollen sich ganz persönlich und einzigartig präsentieren. »Ihr könnt jetzt schon mal anfangen, uns eure Persönlichkeit zu zeigen«, sagt Heidi Klum in Germany’s Next Topmodel zu den Kandidatinnen.

Die Verachtung gegen Hipster richtet sich auch gegen eine Inflation von Ironie. Dahinter steckt ein Unbehangen mit der wachsenden Schwierigkeit zu entscheiden, was gut und richtig ist. Und kritisiert wird Ironie als allzu einfacher Ausweg aus dieser Lage. Auch hier sind Hipster dann jeweils die, die das Spiel der Unentschlossenheit besonders offensiv spielen.

Der Hipster-Begriff ist außerdem eine Kritik daran, dass es als zunehmend schwierig empfunden wird authentische Beziehungen zu Menschen und Dingen zu pflegen; etwa weil die Flexibilität und Geschwindigkeit des sozialen und technischen Wandels es nicht mehr zulässt, sich aufrichtig und langfristig auf etwas einzulassen. Doch auf der Suche nach Originalität und Echtheit sind nicht nur jugendliche Hipster. Auch Touristinnen, Amateurpornofans und die Zielgruppe der vielen Magazine zum ländlichen Idyll wollen originelle, wahre und ursprüngliche Erfahrungen. Entfremdung (Rosa) ist nicht nur das Problem einer kleinen Gruppe.

Mit dem Hipster-Begriff wird zuletzt eine als albern empfundene Begeisterung für vergangene kauzige Dinge kritisiert. Aber was der einen das Tape-Deck, ist dem anderen der Stil der Toscana. Wer die Begeisterung für alte Videospiele nicht teilt, jongliert dafür jeden Sonntag im Park. Doch jede neue Retro-Vorliebe verstärkt immer auch den Eindruck einer wertlosen, ewigen Wiederholung des Gleichen im Namen von Moden und Waren.

Die Konzepte Postmoderne und Gouvernementalität erhärten am Ende den Verdacht, der Hipster-Begriff könnte Zeichen sein für ein umfassenderes Problem. Denn erstens scheinen sie gut geeignet für eine Beschreibung der Hipster und sind zweitens ganz klar mit dem Anspruch verbunden, einen allgemeinen Zeitgeist zu identifizieren.

Diffuse Personalisierung

Es könnte also helfen, Hipster nicht als Personen zu verstehen, sondern als diffuse Kritik an einem Bündel sozialer Schwierigkeiten. Wer Hipster sagt, kritisiert durch Personen hindurch etwas anderes: nämlich den Umgang mit Ironieinflation, Distinktionsimperativ, Kreativitätsnorm, Selbstoptimierung, Beschleunigung oder Postpolitisierung.

Das Problem ist dann nicht, dass die Kritik auf niemanden zutreffen würde, sondern ganz im Gegenteil, dass zu viele gemeint sind. Was Hipster tun, steht exemplarisch für die typischen Anforderungen an Subjekte in westlichen, gouvernemental organisierten Gesellschaften; nämlich für den paradoxen Zwang zur flexiblen Selbstverwirklichung.

Das Problem ist die unscharfe Personalisierung: Gerade weil die Vorwürfe so umfassend sind, führt die Identifikation einer bestimmten Personengruppe in die Irre. Der Hipster-Begriff ist die Unterstellung, es gebe eine überschaubare Gruppe, die besonders devot und erfolglos mit dem ringt, was die gegenwärtige Gesellschaft ihren Subjekten abverlangt. Aber das versteckt, dass viele selbst das Spiel auf ihre Weise mitspielen und auch keinen Ausweg wissen.

Literatur

16.09.13