Autechre hören mit Serres

Während E. am Küchentisch arbeitet, höre ich im Schlafzimmer das neue Album von Autechre »Exai«. Sie kommt rüber und fragt, woher der Krach käme und ob ich die Waschmaschine angestellt hätte.

Was Autechre als Musik veröffentlichen, lässt sich bei unaufmerksamem Hören vom Nebenzimmer aus, bei einem Hören, bei dem sich die Geräusche aus den Boxen mit dem vermischen, was sonst noch da ist, leicht mit einem rumpelnden oder kreischenden Gerät verwechseln. Auch bei genauem Hören, einem Hören mit Kopfhörern etwa, das anderes ausschließt, kann das Gehörte hingeworfen und beliebig wirken, wie unregelmässiges Rauschen oder Krach. Eine Verwechslung von Lärm und Musik.

Michel Serres schreibt in »Die fünf Sinne«: »Der Gruppe angehören heißt den Lärm nicht hören. Je mehr Sie sich integrieren, desto weniger hören Sie; je mehr Sie darunter leiden, desto weniger gehören Sie dazu. (…) Der Lärm definiert das Soziale«. Wer den Lärm sucht, will nicht dazugehören.

Aber Autechre produzieren nicht den wiederentdeckten Lärm des Kollektivs, sondern einen, der sich Mühe gibt, anders zu sein als die Geräusche der Gruppe. Denn den Kollektivkrach zu hören, hieße zwar sich abzusondern, liefe aber auch Gefahr die Stille gegen das Geräusch und die Sauberkeit gegen die Verschmutzung auszuspielen. Deshalb braucht es einen anderen, einen neuen, einen eigenen Lärm.

Autechre-Fans können von einem Lerneffekt berichten: Auf anfängliche Verwirrung folgt nach längerem Hören (Tage, Wochen, Monate) Verständnis und Genuss. Die ersten Durchgänge durch die unbekannten Tracks haben nichts als die Aktivierungsenergie einer Faszination für das Neue. Die ersten Hörerlebnisse bieten keine selige Konzentration, sondern nur nervöse Zerstreuung. Erst mit dem Kennenlernen des Geländes, erst mit der Vertrautheit mit den Breiten, Höhen und Tiefen beginnt der Spaß. Der Lärm wird zu Musik.

Serres schreibt: »Der Übergang vom ungeordneten oder chaotischen Rauschen zur Information (…) oder vom Getöse zur Musik (…) schreibt unmittelbar jenen Gesellschaftsvertrag, dessen Text unauffindbar bleibt«. Wer den Lärm von Autechre zu Musik macht, produziert mit an einem eigene kleinen Sozialvertrag.

Ist das eine Politik der Zerstreuung? Die Absprengung von einem Kollektiv und die Anklumpung an ein neues mittels Geräuschen. »Das Hörbare hält das Terrain dank seiner Fähigkeit, in die Breite zu wirken; die Macht gehört dem, der die Glocken und Sirenen besitzt, sie gehört dem Netz der Schallsender«, schreibt Serres.

24.03.13